VAI E VEM

Seit Längerem schon hatten Fernanda Pessoa und Chica Barbosa eine Zusammenarbeit geplant, in der sie sich die politische und kollektive Agency des Kinos zunutze machen. 2020 führt die Sehnsucht der beiden Filmemacherinnen, sich auszutauschen, zu einer Reihe von audiovisuellen Essays zwischen São Paulo und Los Angeles. Ein Dialog in Form von Video-Letters, entstanden in kollaborativer und offener Autor_innenschaft, wird zum Ausdruck einer experimentellen feministischen Filmpraxis. Im Drei-Wochen-Takt entsteht ein filmischer Briefwechsel, der auf Intimität und Freund_innenschaft gründet und mit Arbeiten von 16 weiteren inspirierenden Experimentalfilmemacherinnen in Bezug gesetzt wird. Ein Spiel mit Formen und Formaten sowie Einblicken in das, was die Autorinnen bewegt und einander im Leben mitgeteilt werden möchte. VAI E VEM zeichnet eine Momentaufnahme Brasiliens und der USA in politisch turbulenten Zeiten und ist eine sinnliche Annäherung an Kommunikation in stetiger Veränderung, eine formale Manifestation der physischen Nähe zweier Freundinnen, die sich über die Distanzen zwischen den nördlichen und südlichen Amerikas hinwegsetzt.

EDELWEISS

Ein kritischer Liebesbrief an ein Land, das ein besserer Ort für diejenigen werden muss, die es seit Jahren zu einem besseren Ort machen. Der performative Dokumentarfilm verwebt selbstbestimmte Positionen und Sichtweisen von People of Colour in Österreich und fragt, welche Beziehung überhaupt zu einem Land lebbar ist, das von strukturellen Rassismen und Alltagsdiskriminierung durchdrungen ist. Im gemeinsamen Sprechen erscheinen Räume und Zwischenräume, die es möglich machen, sich zu verorten, zu empowern und selbstverständlich zu existieren. Anna Gaberscik montiert Performances und Interviews zu einer vielschichtigen Reflexion über zermürbende Kämpfe, dringliche Artikulationen und lustvolles Unterwandern von Identitätszuschreibungen – die komplizierte Liebesbeziehung all derer, die hier sind und deshalb auch von hier sind. EDELWEISS macht komplexe Verbindungen, Verbundenheiten und Bezogenheiten sichtbar und hält damit einer ebenso dominanten wie fragilen und unhaltbar weißen Identitätskonstruktion von Österreich den Spiegel vor.

MAPUTO NAKUZANDZA

Morgendämmerung in Maputo – Im Radio berichtet der Sender Maputo Nakudzandza vom Verschwinden einer Braut. Während Menschen von Nachtclubs nach Hause gehen, Morgensport betreiben und ein Tourist durch die Gegend streift, stehen andere auf und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Ariadine Zampaulo nimmt uns einen Tag lang mit in die Gleichzeitigkeit des Geschehens in Mosambiks Hauptstadt. Ein kaleidoskopischer Blick auf einen Ort, gebündelt in Geschichten, in deren Dichte unterschiedlichste Realitäten und Fiktionen aufeinandertreffen. Momente der Verbundenheit, geplante und unerwartete Begegnungen spinnen ein narratives Netz über Maputo. Tanzchoreografien auf den Dächern, Poesie in den Straßen und pochende Soundscapes einer Stadt, durchzogen von den Spuren einer kolonialen Vergangenheit. In kleinen, jedoch präzisen Gesten macht uns dieser Film auf die subtilen Zwischentöne einer urbanen Polyphonie im Jetzt aufmerksam.

ALBAHR `AMAMAKUM

Unerwartet ist Jana wieder in Beirut. In Paris kehrt sie ihrem Kunststudium und unzähligen Gelegenheitsjobs den Rücken. Was Jana zur abrupten Rückreise bewegt hat, bleibt ungewiss. Zurück bei ihren Eltern, tut sie sich schwer, sich wieder einzufinden und Interesse an ihrem gewohnten Leben, Familie und Freund_innen zu finden. Nur Adam scheint Janas Flucht fassen zu können und gemeinsam beginnen sie eine stimmungsvolle Reise durch die Stadt bei Nacht. Während wir die neu gebauten Viertel wie Geisterstädte kontemplativ vorbeiziehen sehen und die Kamera in dieser neuen urbanen Architektur stets auf der Suche nach dem Ausblick aufs Meer ist, geben atemberaubende Aufnahmen von Beirut mit vielschichtigen visuellen und akustischen Atmosphären der existenziellen Leere der Protagonist_innen zunehmend einen Rahmen. Ely Dagher verwebt in diesem fesselnden Debütfilm das Werden eines krisengebeutelten Beiruts mit der existenziellen Suche und dem Wiederfindungsprozess der jungen Jana.

KOKOMO CITY

Morgenroutinen und Gespräche im Bett, Gossip und Real Talk. In Begegnungen und Interviews porträtiert D. Smith vier Schwarze trans* Sexarbeiterinnen in New York und Georgia. Ungeschönt und lustvoll erzählen die Protagonistinnen aus ihrem Leben. Dabei entzünden sich tiefgehende und leidenschaftliche Gespräche über verstrickte gesellschaftspolitische und soziale Realitäten genauso wie scharfe Analysen über Zugehörigkeit und Identität innerhalb der eigenen Communities. In eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern zu einem bewegten Soundtrack entsteht ein Flow an selbstbestimmten Inszenierungen, performativen Interventionen und assoziativen Collagen. Zwischen Stereotypisierung und Care, Gewalt und Fetischisierung, Begehren und Zugewandtheit werden hier die Beziehungsgeflechte zu Lovers, Freund_innen und Familien, zu Communities und Kontexten in all ihrer Komplexität und Ambiguität nachgezeichnet. KOKOMO CITY ist eine Wucht an widerständigen Erzählungen und lustvollen Kämpfen, die sich von Dominanzgesellschaften nicht gegeneinander ausspielen lassen.