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GIVE ME LIBERTY

Milwaukee, USA. Die Nerven zum Zerreißen gespannt, kämpft Fahrtendienstmitarbeiter Vic gegen die Umstände und die Zeit. Ausgerechnet an diesem ohnehin schon dichten Arbeitstag müssen sein aus Russland emigrierter Großvater und dessen Freund_innen zu einem Begräbnis chauffiert werden. Auch sie finden in Vics Kleinbus und in der improvisierten Zweckgemeinschaft Platz. Weil die Straßen auf ihrer üblichen Route aufgrund von Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt gesperrt sind, muss Vic umdenken. Im Versuch, das sich anbahnende Chaos zu kontrollieren, verzettelt er sich zunehmend in Verpflichtungen, Beschwichtigungen, Bedürfnissen der ihm anvertrauten Passagier_innen und eigenen Träumen. Kirill Mikhanovskys turbulentes wie berührendes Großstadt-Roadmovie GIVE ME LIBERTY ist eine kinetische Erfahrung von immenser Wucht und Wahrhaftigkeit. Die neue Route ist gesäumt von jenen kleinen magischen Momenten zwischenmenschlicher Begegnungen und Solidarität, die uns durch den Tag tragen – auch wenn man zunächst bereut hat, überhaupt aufgestanden zu sein. (lm)

MONEYBOYS

Fei hat das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, zurückgelassen und verdient seinen Lebensunterhalt in Beijing als Sexarbeiter, als Moneyboy. In der Großstadt trauert er seiner ersten Liebe, seinem Mentor Xiaolai, nach und muss sich im Spannungsverhältnis zwischen vielfältigen Lebensentwürfen und ökonomischer Verantwortung für seine Familie behaupten. Die unerwartete Wiederbegegnung mit seinem Jugendfreund Long fordert das fragile Gleichgewicht heraus. In seinem ersten Langspielfilm gelingt es C.B. Yi mit kluger Beobachtungsgabe Feinheiten und Zwischentöne von Lebensentwürfen in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft einzufangen. In langen visuell eindrucksvollen Einstellungen gibt MONEYBOYS Zeit zum Mitfühlen, erzählt explizit, lässt aber auch bewusst narrative Lücken und gibt so Raum für Imagination. (dp)

KRAI

Mit dem Vorhaben einen »historischen Film« drehen zu wollen, reist der in Russland geborene Regisseur Aleksey Lapin mit einem Filmteam von Wien nach Jutanovka, jenes nahe bei der ukrainischen Grenze liegende Heimatdorf seiner Verwandten, in dem er früher selbst jeden Sommer verbracht hat. Inmitten der Dorfrealität von Volksfest, Kirchgang und Arbeitsalltag entsteht ein filmisches Spiel zwischen Team und Dorfgemeinschaft. Ein Casting wird abgehalten, am Fluss über das Kino sinniert und der Drehprozess selbst reflektiert. Krai bedeutet auf Russisch Rand oder Grenze. Mit feiner Ironie und liebevollem Interesse für Wunderliches wandelt auch der Film an den Grenzen von Dokumentarfilm und Spielfilm, zeitlos und zeitnah zugleich in Schwarzweiß gesetzt. Zwischen inszenierten Szenen und alltäglichen Beobachtungen entsteht ein Bild der Realität, das sich eindeutigen Zuschreibungen entzieht. Über ihm steht die Vision: »Das Kino muss verschiedene Welten zusammenbringen, unterschiedliche Leute verbinden. Und uns am Ende daran erinnern, dass wir Teil einer Menschheit sind.« (lm)

LINGUI

Amina lebt mit ihrer 15-jährigen Tochter Maria in einem Vorort von N’Djamena. Durch Upcycling alter LKW-Reifen zu Feuerschalen verdient sie ihren Lebensunterhalt. Als Maria schwanger wird und sich zu einem Schwangerschaftsabbruch entschließt, ist Amina mit der Realität restriktiver Gesetzgebung und religiöser Verurteilung konfrontiert. Sie setzt alles daran, ihre Tochter dabei zu unterstützen, den bereits ihr selbst widerfahrenen Zyklus sexualisierter Gewalt zu durchbrechen und schlussendlich Rache zu üben, um an den strukturellen Mechanismen patriarchaler Vorherrschaft zu rütteln. LINGUI ist ein kraftvolles Plädoyer für Tatkraft und Resilienz angesichts widrigster Umstände. Mutter und Tochter erfahren Solidarität und Kinship durch den von Generation zu Generation weitergelebten Zusammenhalt unter Frauen im sozialen Gefüge, genannt Lingui, das heilige Band. (dp)

ATLANTIQUE

Dakar, zwischen Skeletten futuristischer Luxusbauten und der Realität der Arbeitssuchenden in der Baubranche. Ada, die den wohlhabenden Omar heiraten soll, wird heimgesucht von ihrem Geliebten Souleiman, der als unbezahlter Bauarbeiter bei der Überfahrt über den Atlantik auf offener See mit anderen Wirtschaftsflüchtenden ums Leben gekommen ist. Auf hypnotisch-fesselnde Weise erzählt Mati Diop die Geschichten jener Frauen die geblieben sind: Mütter, Schwestern und Geliebte jener um ihre Löhne geprellten Arbeitssuchenden, die in ihrem Migrationsbestreben an der verheerenden Asymmetrie globaler Migrationspolitik gescheitert sind. Ihre in Unfrieden von dieser Welt gegangenen Geister hallen nach. In einem kollektiven Akt begehren die trauernden Frauen auf gegen die kolossale Ungerechtigkeit und verlangen, dass die offene Rechnung von jenen beglichen wird, die die Verschärfung des sozialen Gefälles durch ihr Machtstreben zu verschulden haben. (dp)

VICTORIA

In der Wüste Südkaliforniens liegt California City, eine in den 1950er Jahren geplante Stadt, die Los Angeles Konkurrenz machen sollte. Nur in den Sand gezogene Straßenzüge, verblasste Straßenschilder und einige wenige Siedlungen erinnern an die Mega-City, die bis heute nicht fertiggestellt wurde. Vor dieser abstrakten Kulisse lernen wir Lashay kennen, der seine turbulente Vergangenheit in L. A. hinter sich gelassen hat, um mit seiner Familie einen Neuanfang zu wagen. Über den Zeitraum von zwei Jahren begleiten wir das Suchen, Ankommen und Orientieren in dieser immensen Planstadt mitten in der Wüste. Virtuelle Stadtansichten, Handyvideos und dokumentarische Bilder lassen hoffnungsvolle Lebensrealität und gescheiterte Stadtimagination in einem gespaltenen Land aufeinandertreffen und geben Einblick in das Leben der wenigen Bewohner_innen einer geisterhaft leeren Stadt.

INLAND

Im Jahr der Nationalratswahl 2017 begleitet Ulli Gladik eine Kellnerin, einen Arbeitssuchenden und einen Beamten in ihrem Alltag, alle drei FPÖ-Fans. Die Regisseurin verhandelt im Gespräch mit den Protagonist_innen Meinungen und Motive, Wünsche und Enttäuschungen. Dabei werden Arbeitsbedingungen und die Rolle der Gewerkschaften genauso Thema wie Rassismus und Xenophobie. Jenseits des oftmals nicht unproblematischen Motivs „mit Rechten zu reden“ gelingt Ulli Gladik hier Austausch und Begegnung auf Augenhöhe und das, ohne gewaltvolle politische Ideologie zu verharmlosen oder zu legitimieren.

DER STOFF, AUS DEM TRÄUME SIND

Utopie: Wohnen!? Utopie: Gemeinschaft!? Welche gemeinschaftlichen Wohnformen werden gelebt, was steckt hinter der Idee von gemeinschaftlichem Eigentum und was ist eigentlich das Miethäusersyndikat? Lotte Schreiber und Michael Rieper portraitieren fünf selbstorganisierte und -verwaltete Wohnprojekte in Graz, Gänserndorf, Wien und Linz, die im Zeitraum 1975 bis 2015 entstanden sind. Erforscht werden gemeinsame Utopien, architektonische Prämissen, mit Zusammenleben einhergehende Konflikte und Bedürfnisse der Initiator_innen, Architekt_innen und Bewohner_innen.

SUPA MODO

Jo ist ein ausgesprochener Fan von Comics und Actionheld_innen, sie wünscht sich drei Dinge sehnlichst: Fliegen können, einen Film drehen und darin selbst die Hauptrolle spielen. Die standhafte Wunschkraft der schwerkranken 9-Jährigen mischt den Alltag der Bewohner_innen Mawenis kräftig auf. Mit selbstgemachten extravaganten Kostümen und Kulissen wird die Stadt in eine Bühne für die junge Superheldin verwandelt, die auch Raum gibt für individuelle Zugänge zum Abschiednehmen. Einfühlsam erzählt SUPA MODO von wahren Superheld_innen: Anstatt eines weiteren Comic-Abenteuers haben wir es mit einer ausgefeilt fantasievollen Reise zu tun, die nicht zuletzt von der Hingabe zur Kunst des Filmemachens erzählt.

UNDER THE UNDERGROUND

Eine kleine Welt tut sich auf, ein organisches Sammelsurium an kuriosen Geräten und Instrumenten: die Janka Industries, im Keller eines ehemaligen Wiener Fabrikgebäudes im 7. Bezirk. In den 1980er Jahren ein besetzter Ort, insbesondere zum Arbeiten und Leben, bloß nicht zum Wohnen. UNDER THE UNDERGROUND ruft Erinnerungen an die Anfänge wach, an Ratten, Papageien und andere ehemalige Gäste. Mittlerweile sind Studio und Proberäume gewachsen. Hier proben, recorden und kreieren Musiker_innen wie Schapka, Voodoo Jürgens und die MusikarbeiterInnenkapelle. Ein Musikfilm über analoges Hacking, Tüftelei, die Liebe zur Elektronik und zu den Dingen – die ultimative Undergroundhommage.