RECALL

RECALL [REWIND] beschäftigt sich mit den temporären Abwesenheiten von Gewesenem und mit Praktiken des Unsichtbarmachens angesichts dominanter Bildpolitiken.

Mehrmals hintereinander rückwärts abgespielte Videoaufnahmen der Sprengung des Eastman Kodak Firmenkomplexes in W O W (Kodak) lässt den Wiederaufbau der einstigen Arbeitsstätte reimaginieren. Mittels Reenactment von Auszügen eines französischen Films mit kolonial geprägtem Blick veranlasst das autobiografische Video Nou voix das Hervorheben ungehörter Stimmen Französisch-Guyanas. Die kontinuierliche Erfahrung von Rassismus ist Thema in This makes me want to predict the past, von YouTube-Kommentaren zu Childish Gambinos Song »Redbone« begleitetes Porträts von Jugendlichen im Olympia-Einkaufszentrum in München, wo 2016 neun junge Menschen bei einem rassistischen Anschlag ermordet wurden. Traumartige Sequenzen von durch rurale Landschaften streifenden Berberfrauen oszillieren in Chergui zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen An- und Abwesenheiten des texturenreichen Raum-Zeit-Gefüges, montiert aus Archivmaterial der Kinemathek Tangiers.

Eindrücke aus einem Familienalltag sind im sukzessive zersetzten Filmmaterial von Film im Zerfall nur mehr als ephemere Erinnerungsfragmente wahrnehmbar, die es neu anzuordnen gilt. What Time is Made of wiederum greift eigene Kindheitserinnerungen auf, die als Flaschenpost in Form einer versiegelten Filmdose, in welcher sich die Spuren des Meeres abgezeichnet haben, fiktiv 30 Jahre überdauert haben. Lynne Sachs nähert sich der kurz nach Fertigstellung des Films verstorbenen Filmemacherin Barbara Hammer in A Month of Single Frames an, eine filmische Arbeit, in der die Erkundung der Einsamkeit, das Gespür für Zwischentöne als körperliche Erfahrung von Kino tiefgeht. Das Aufzeigen blinder Flecken und Geschichte/n in ihrer aktuellen Relevanz im derzeitigen Erfahrungsraum veranlasst eine Neubewertung der Gegenwart und bringt Strategien des Talking Backs zur Sprache.

W O W (Kodak)
Viktoria Schmid, 2018, 2 min


A countdown, onlookers, then the view of thick dust clouds. An apocalyptic scene of destruction that reverses: the dust flows back into the center of the image, bits of debris put themselves together, a building erects itself. Five YouTube clips played backwards, five different perspectives – Viktoria Schmid’s commentary on film culture: analogue film is dead—long live analogue film! (Diagonale)

Ein Countdown, Schaulustige, dann der Blick auf dichte Staubwolken. Ein apokalyptisches Zerstörungsszenario, das sich ins Gegenteil verkehrt: Der Staub strömt zurück ins Bildzentrum, Trümmerteile setzen sich zusammen, ein Gebäude errichtet sich. Viktoria Schmids Kommentar zur Filmkultur: Der analoge Film ist tot – lang lebe der analoge Film! (Diagonale)

Nou voix
Maxime Jean-Baptiste, 2018, 14:26 min


Nou voix is an autobiographical video departing from the participation of the director’s father, as a Guyanese figurant in the movie Jean Galmot aventurier (1990), which deals with the history of French Guiana. By re-enacting a part of the film, Maxime and his father try to amplify other kinds of voices that have been unheard in the original French film.

Im autobiografischen Video Nou voix befasst sich Regisseur Maxime Jean-Baptiste mit der post-kolonialen Geschichte Französisch Guyanas. Ein Reenactment von Auszügen des französischen Films Jean Galmot aventurier aus dem Jahr 1990, in welchem Jean-Baptistes Vater als Statist mitwirkte, veranlasst das Hervorheben jener Stimmen und Perspektiven, die vom kolonial geprägten Blick ausgespart blieben.

This makes me want to predict the past
Cana Bilir-Meier, 2020, 16:05 min


This makes me want to predict the past accompanies two young women on their way through urban spaces of transit. In direct interaction with the camera, they reveal desires and fears, while the voice-over rattles handed-down structures. Munich 1982, 2016, and 2019: connecting the generations is one constant factor, the experience of racism. (Diagonale)

This makes me want to predict the past begleitet zwei junge Frauen auf ihrem Weg durch städtische Transiträume. In direkter Interaktion mit der Kamera offenbaren sich Sehnsüchte und Ängste, während das Voice-over an tradierten Strukturen rüttelt. München 1982, 2016 und 2019: Die verbindende Konstante zwischen den Generationen ist die Erfahrung von Rassismus. (Diagonale)

Chergui
Chahine Fellahi, 2019, 4:59 min


Chergui is a piece created using material from the Cinematheque of Tangiers’ archives. Through oneiric scenes of Berber women walking in the countryside, Chergui reflects on the ungraspable nature of memory as the images form and unform, following the oscillating rhythm between remembering and forgetting. In Chergui, the figures’ contours dissolve into the pixelated landscape. The moving bodies are recast within an incommensurable space-time dimension; they are there and not there, suspended between presence and absence.

Für Chergui arbeitete Chahine Fellahi mit bestehendem Material aus dem Archiv der Kinemathek Tangiers. Traumartige Sequenzen von durch rurale Landschaften streifenden Berberfrauen deuten auf die mitunter unbegreifbare Wesensart von Gedächtnis, die sich in der sich ständig umformenden Bildbeschaffenheit spiegelt. Eine oszillierende Kadenz zwischen Erinnerung und Vergessen manifestiert sich, die Figuren sind nur mehr als Silhouetten festzumachen und schreiben sich alsbald in die verpixelte Landschaft ein. Eine Supsendierung dieser sich bewegenden Körper ist die Folge, angesiedelt als An- und Abwesenheiten in diesem texturenreichen Raum-Zeitgefüge.

Film im Zerfall
Anonym, ca. 1965, 4 min (Exzerpt)


Impressions of everyday family life, captured moments of the liveliness of the market, of vacation moods with a view of meadows and mountains, children splashing, playing and running. A family album as moving image sequences, which occasionally evoke memories, but which are successively decomposed. The material invites us to reconstruct these memory fragments and to imagine our own stories. The result is a narrative, adding a further layer on the moving image in decay. The film material – emulsion decomposed by mold – becomes visible in its longevity as an ephemeral element. From the collection of the Austrian Film Museum.

Eindrücke aus einem Familienalltag, festgehaltene Momente von Markttreiben, Urlaubsstimmungen mit Blick auf Wiesen und Berge, planschende, spielende, laufende Kinder. Ein Familienalbum als Bewegtbildsequenzen, die zwar Erinnerungen vereinzelt wachrufen, die jedoch sukzessive zersetzt werden. Das Filmmaterial lädt dazu ein, diese Erinnerungsfragmente zu rekonstruieren und dazu eine eigene Geschichte zu imaginieren. In der Folge entsteht eine Erzählung, die sich als weitere Schicht über das Bewegtbild im Zerfall legt. Das Filmmaterial wird in seiner Langlebigkeit als ephemeres Element sichtbar. Aus der Sammlung des Österreichischen Filmmuseums.

What Time is Made of
Diana Vidrascu, 2019, 10 min


What if you found a message in a bottle in the form of a sealed film can, which your younger self had sent 30 years ago? After processing this16mm film reel, I discovered that the sea had left its mark on the images and the film bears the memory of all the things it witnessed in its journey to land. However, these proved to be my own childhood memories. (Diana Vidrascu)

Was wenn Sie eine Flaschenpost in Form einer versiegelten Filmdose finden würden, die Ihr jüngeres Ich vor 30 Jahren verschickt hatte? In der Bearbeitung dieser 16mm-Filmrolle entdeckte ich, dass das Meer seine Spuren im Bildmaterial hinterlassen hat und der Film die Erinnerung an all die Dinge trägt, deren Zeuge er auf seiner Reise zurück ans Land war. Es stellte sich heraus, dass diese meine eigenen Kindheitserinnerungen waren. (Diana Vidrascu)

A Month of Single Frames
Lynne Sachs (Made with and for Barbara Hammer), 2019, 14:08 min


Filmmaker Lynne Sachs was invited by her longtime peer and friend, Barbara Hammer, to explore Hammer’s experience with solitude using the materials she created during a remote residency in 1998 in a shack without running water or electricity. Diagnosed with cancer, Hammer began her own process of dying in 2018. Sachs’ use of overlaid text confronts the relationship between body and screen, collapsing the walls between space and time.

Die Filmemacherin Lynne Sachs wurde von ihrer langjährigen Kollegin und Freundin Barbara Hammer eingeladen, Hammers Erfahrungen mit Einsamkeit anhand der Materialien zu erkunden, die sie 1998 während einer Residency in einer abgelegenen Hütte ohne fließendes Wasser und Strom geschaffen hatte. Zehn Jahre später, 2018, wurde bei Barbara Hammer Krebs diagnostiziert und sie begann ihren eigenen Prozess des Sterbens. Mittels überlagertem Text thematisiert Lynne Sachs die Beziehungen zwischen Körper und Screen, während sich die Grenzen von Raum und Zeit auflösen.