15. Juli 2020

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Halt dich fern, aber halt mich
Eva Egermann, 2020

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In ihrer forschungsbasierten und kollaborativen Praxis beschäftigt sich Eva Egermann mit aktivistischen Strategien, unterschiedlichen Subkulturen und einer Vielzahl von wenig bekannten künstlerischen Ausdrucksmitteln. Sie kombiniert, transformiert und montiert vorgefundene Bilder und Textfragmente zu vielschichtigen Collagen, die im öffentlichen Raum oder Publikationen präsentiert werden. Egermanns Arbeiten und Interventionen entlarven binäre Konstellationen wie Gesundheit/Krankheit, Fähigkeit/Unfähigkeit, Verletzlichkeit/Stärke oder Queerness/Straightness als Konstruktionen, die unser Leben steuern, und zielen beharrlich auf die künstlerische Neuverhandlung der Wirklichkeit ab.

Für KISS hat Eva Egermann Plakate und Banner gestaltet, die im öffentlichen Raum, verteilt über die Stadt, zu sehen sind. Die Arbeiten tauchen an unerwarteten Stellen auf. Sie sind in einer ungewöhnlichen Schriftart gestaltet. Die eindringlichen poetischen Slogans erzählen von physischen und emotionalen Abhängigkeiten, hedonistischer Leidenschaft und kosmischen Verbindungen. Sie sind forsche Gegenvorschläge zu den politischen Maßnahmen des Social Distancings und des Lockdowns – durch das Umdeuten diverser Sicherheitsvorschriften unterwandern sie die Einschränkungen des Körperkontakts.

Im Wesentlichen beziehen sich die Arbeiten jedoch nicht direkt auf die jetzige Post-Pandemie-Phase. Egermanns Materialquellen sind Twitter-Einträge und Gedichte der usbekisch-österreichischen Autorin Ianina Ilitcheva (@blutundkaffee), die sich 2015 für ein halbes Jahr in Selbstisolation begeben hatte. Ilitcheva litt unter einer seltenen Krankheit, an der sie 2016 schließlich auch starb. Die Selbstisolation – Schutz und Experiment, Möglichkeit und Fluch zugleich – wurde zu einem Raum, in dem sie sich mit Berührung, Begegnung und gegenseitigen Abhängigkeiten auseinandersetzen konnte und unser Verständnis von „Unabhängigkeit“ als leistungsorientierte und ableistische Fiktion hinterfragte.

Die Stärke von Egermanns Repräsentation liegt in der räumlichen und zeitlichen Rekontextualisierung von Ilitchevas Worten, die sie von der privaten in die öffentliche Sphäre, vom Bildschirm auf die Straße und von Times New Roman zu Comic Sans (eine der wenigen Schriftarten, die für Legastheniker*innen leicht lesbar sind) überführt – persönliche Aufzeichnungen und Gedanken als Spiegel gemeinsamer Sehnsüchten, die in die Abgeschiedenheit gedrängt oder komplett stillgelegt werden.


In Kooperation mit KISS, Kunsthalle Wien.


Weitere Transparente und Plakate im Rahmen des Projekts KISS sind an verschiedenen Orten im öffentlichen Raum Wiens zu entdecken.

kunsthallewien.at/kiss-eva-egermann/

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Big Feeling, Big Administrative Effort

Text-Exzerpte von Ianina Ilitcheva
in: Crip Magazine #3 (S. 8-13), hg. von Eva Egermann & Iris Dressler

Ianina Ilitcheva: Innenleben in Echtzeit

Christoph Winder, 17.8.2015, Der Standard

Ianina Ilitcheva hat sich ein halbes Jahr lang freiwillig in die soziale Isolation begeben, um sich auf die Suche nach den Quellen ihres schöpferischen Potenzials zu machen. Aus dem außergewöhnlichen Projekt ist ein außergewöhnliches Buch entstanden: 183 Tage (Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2015).

ich sehe die einsamkeit vor mir und sie ist leicht

Ianina Ilitcheva, hochroth Verlag, München 2018

ich sehe die einsamkeit vor mir und sie ist leicht ist nach @blutundkaffee (Frohmann Verlag 2017) die zweite Veröffentlichung aus dem Nachlass der 2016 verstorbenen Künstlerin und Schriftstellerin Ianina Ilitcheva. Der Band, den Rick Reuther herausgegeben hat, versammelt eine Auswahl an Blogeinträgen, Tweets sowie Gedicht- und Kurzprosaveröffentlichungen. Sie thematisieren Körpererfahrung, Liebe und Sex, Freiheit und Tod in einer Sprache, die ihre Schönheit daraus entwickelt, gleichzeitig direkt, ganz frei und gewaltlos zu sein.

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Further references within our ᐅ FILM PROGRAM

Solitary Acts #5
Nazlı Dinçel, 2015, 5:25 min

A Month of Single Frames
Lynne Sachs (Made with and for Barbara Hammer), 2019, 14:08 min