1. Juli 2020

RECALL [REWIND]

Film im Zerfall
Anonym, ca. 1965, 4 min [Exzerpt]

Eindrücke aus einem Familienalltag, festgehaltene Momente aus dem Markttreiben, aus Urlaubsstimmungen mit Blick auf Wiesen und Berge, planschende, spielende, laufende Kinder. Ein Familienalbum als Bewegtbildsequenzen, die zwar Erinnerungen vereinzelt wachrufen, die jedoch sukzessive zersetzt werden. Das Filmmaterial wird in seiner Langlebigkeit als ephemeres Element sichtbar.

Der Auszug aus Film im Zerfall verweist auf Vergangenes, auf ein Dokument der Zeitgeschichte, das mit der sich zersetzenden Oberfläche zunehmend verschwindet.

Den warmen Tönen eines roten Balls und orangefarbener Früchte stellen sich blau-grüne kühle Farbfragmente des Zerfalls gegenüber und die hinter dem zersetzen Bild verschwindenden Körper bringen eine Unnahbarkeit des Vertrauten mit sich.

Das Filmmaterial lädt dazu ein diese Erinnerungsfragmente zu rekonstruieren und dazu eine eigene Geschichte zu imaginieren. In Folge entsteht eine Erzählung, die sich als weitere Schicht über das Bewegtbild im Zerfall legt.

Das Erlebte versinkt in Farbe und Textur des Zerfalls, es lagert sich in die vermeintliche Stille eines Prozesses ein, wo die Nähe der sich im Bild Umarmenden nicht mehr greifbar ist. Allein der Prozess der Zersetzung bleibt haptisch fühlbar und deutet das nicht Vorhersehbare, das unwiederbringlich Kommende an.

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Northeast Historic Film: Preserving and exposing New England amateur films

Karan Sheldon and Martha McNamara talk about their book Amateur Movie Making: Aesthetics of the Everyday in New England Film, 1915-1960.

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Making women amateur filmmakers visible: Reclaiming women’s work through the film archive
by Sarah Hill & Keith M. Johnston, 2020

»Amateur films represent unexplored evidence for film history, a way to create a more complex, richer explanation of how visual culture operates across many levels of practice, from elites to amateurs, as an instance of filmmaking from below. The fact that it is too late for everything to be saved – that the record of women’s filmmaking will remain fragmentary – should stand as an emblematic part of the history of the cinema.«

Von der Arbeit am Film. Die österreichische Amateurfilmkultur der Zwischenkriegszeit
by Sandra Ladwig, 2018

Amateurfilme sind nahezu synonym für Aufnahmen von und in der Freizeit. Der Text geht der Frage nach, ob und in welcher Form Arbeit, das vermeintliche Gegenteil von Freizeit, als klassenbestimmender Faktor in der frühen österreichischen Amateurfilmkultur thematisiert und »umgesetzt« wird. Die kulturellen Praktiken der organisierten Filmklubmitglieder verfolgten andere Ziele als die der Familienfilmer_innen, weshalb die frühe Amateurfilmpraxis vor dem Hintergrund dieser internen Differenzierung in den Blick genommen wird.

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Verwaist und verschimmelt. Was uns Amateurfilme erzählen
von Sandra Ladwig


Weiß-blaue Flecken wandern mal wie verzweigte Eiskristalle, mal wie getrocknete Farbkleckse flackernd über das Bild. Sie sammeln sich gern am zentralen Geschehen des Filmes. Ein Netz aus Haarrissen zergliedert schließlich alles: the puzzle of the moving image.

Durch eine feuchte und unsachgemäße Lagerung entwickeln analoge Filme häufig Schimmel, der sich von den Rändern des Filmstreifens bis zur Mitte jedes einzelnen Kaders vorarbeitet. Diese neue, wuchernde Textur bildet sich auf der Emulsion aus und zersetzt sie nach und nach, teilweise bis zur Unkenntlichkeit des aufgezeichneten Bildinhalts. Auch die anonymen und lange vernachlässigten orphan films, die Randständigen in der Filmgeschichte, weisen nicht selten Verfallserscheinungen auf. Zumeist ist es dem glücklichen Zufall oder dem Engagement von Liebhaber*innen zu verdanken, dass sie ihren Weg in die wertschätzende und konservierende Atmosphäre der Filmarchive finden. Manchmal kommt auch beides zusammen, wie bei „Filme im Zerfall“, einem Konvolut von vier verwaisten und großteils verschimmelten 8mm-Filmen, die der Regisseur Arash T. Riahi auf dem Flohmarkt erstand und dem Archiv des Österreichischen Filmmuseums übergab.


# Auferstehen aus der Vergessenheit

Was ist ein Film, der nicht gesehen wird? Film als Kulturtechnik – in Form von Unterhaltung, Erinnerung, Wissensaneignung oder Ereignis – vollzieht sich erst durch gesammelte Aufmerksamkeit. Doch hier wurden die Filme wahrscheinlich im feuchten Keller zurückgelassen und nicht mehr zur Aufführung im Heimkino hervorgeholt. Ähnlich wie bei Fotografien bleibt die repräsentative Kraft des analogen Films – eine wesentliche Eigenschaft, die auch Amateur*innen sehr zu schätzen wissen – nur erhalten, wenn er adäquat aufbewahrt wird. Nicht zu kalt, nicht zu warm, nicht zu trocken, nicht zu feucht. Der Vergessenheit anheimgefallen, liefern sich Film und Schimmelpilz ein organisches Duell, in dem sich letzterer erfahrungsgemäß durchsetzt – solange nicht die rettende Menschenhand eingreift. Zu vielgestaltig ist der Fungus, je nach Perspektive mal Nütz-, mal Schädling. Meist kann nur die Aufbewahrung im Archiv die Laufbilder vor ihrem endgültigen Bildverlust bewahren. „Filme im Zerfall“ zeugen von dieser Auseinandersetzung zwischen Material und Destruktion, Repräsentation und Abstraktion, Kultur und Natur, Aufmerksamkeit und Vergessen. Aus welchen Gründen auch immer Filme nicht angemessen gelagert werden, der chemische Zerfallsprozess zieht eine visuelle Verselbstständigung des Materials nach sich. Der interne Archivtitel „Filme im Zerfall“ deutet schon an, was von ihnen zu erwarten ist: weniger sind die aufgezeichneten Begebenheiten, also die Überreste der erkennbaren Sujets von Belang, als vielmehr die Dokumentation des Zersetzungsprozesses selbst.


# Materialgeschichte

Die doppelte Evidenz des Filmes, von der Alexander Horwarth in Bezug auf Arbeiten von Gustav Deutsch schrieb, gründet sich auf seiner bildlichen (repräsentativen) Zeugnisfunktion und seiner eigenen materiellen Zeugenschaft. Auch andere Amateurfilme tragen Spuren von Herstellung und Gebrauch in sich, „Filme im Zerfall“ hingegen dokumentieren ihre eigene Verfallsgeschichte in aller Ausführlichkeit. Mit diesem Überhang zu einer selbstreferentiellen Materialgeschichte stellen sie die Evidenz der festgehaltenen fotografischen Bilder von der Welt zurück und fragen nach anderen möglichen Wahrnehmungsweisen von Film.

Von Farbe, Bewegung und Textur des Verfalls strahlt eine schöpferische Unordnung aus. Immer weniger vermitteln die aufgezeichneten Geschehnisse und die Art ihrer filmischen Darstellung nachvollziehbare Bedeutung. Die repräsentative Qualität von Film, die erkennen lässt, wann und wo etwas mit wem geschah, ist abgelöst von einer Präsenz ihrer Störung (P. Dubois). Die Lebendigkeit der physischen und photochemischen Materialität von Schimmel und Celluloid springt förmlich auf die Betrachter*innen über, wenn flimmernde Kristalltexturen – „Blüten des Bösen“ – das Urlaubsidyll einer anonymen Familie durchwuchern. Durch die Bildfolge der einzelnen, verschieden stark beschädigten Kader in der Projektion erscheint der Verfall wie ein ab- und aufblendender Vorhang, der sich noch während der Vorstellung verselbstständigt über die ablaufenden Szenen schiebt und für sinnstiftende Struktur sorgt.


# Zersetzungs-Poetik

Der vom Zerfall eroberte Familienfilm unterläuft eine narrative oder repräsentative Ordnung, wie sie vom Erzähl- und Dokumentarkino bekannt ist, und etabliert im wahrsten Sinne Eigensinn und Eigenleben. Formsetzend schichtet der Schimmel eine weitere zeitliche Ebene der Erzählung auf das Filmmaterial. Im Versuch die ursprünglichen „Bildinformationen“ – weglaufende oder badende Kinder, die Straßenreinigung des Marktes – auszumachen und sprachlich zu benennen, offenbaren sich jene dominanten Sehgewohnheiten, in denen die Filmbilder eher als Zeugen gelten denn als Wahrnehmungs- und Erfahrungsmöglichkeit mit offenem Ausgang. Die eigensinnige, visuelle Zersetzungs-Poetik ist nicht strategischer, künstlerischer Intention geschuldet, wie dies im Avantgarde- und Experimentalfilm der Fall ist, vielmehr nivelliert der Zerfall vorhergehende Ansprüche der ursprünglichen Autor*innen. Wenn das Filmmaterial nun mithilfe – oder als Opfer – des Schimmels die Chronik der eigenen Geschichte signiert, also autobiografisch in Erscheinung tritt, sehen wir nicht nur einem abstrakten Formenspiel bei seiner Entfaltung zu, sondern sind auch damit konfrontiert, was das Amateur-Kino so gern verspricht aufzuheben: Die unvermeidbare Vergänglichkeit.

Unermüdlich künden die sich wiederholenden Motive in Urlaubs- und Familienfilmen davon, dass es schön gewesen sein wird. Vom Schimmelpilz zersetzt, ist dieser bildliche Mitteilungsauftrag von einer oft trügerischen Vergangenheit konsequent angezweifelt. Die zerstörte Oberfläche lässt die Schattenseiten des Urlaubsideals erahnen. Sie legt darunter liegende Schichten frei, jene filmisch nicht artikulierten Regionen, die weniger rhetorisch als vielmehr assoziativ erkundet werden können. Durch ihre überformte, abstrakte visuelle Materialität zeigt die (Zer)Störung, was sonst fehlt, vielleicht auch fehlen muss in der Ästhetik des Amateurfilms. Die Sedimente des Filmes korrespondieren mit unserem eigenen verinnerlichten und undurchdringlichen Vergessen und Verdrängen, bringen dieses letztlich zu einer rätselhaften Bildlichkeit. Auslöschende Unkenntlichkeit von Personen und Orten eröffnet Raum für die inneren Bilder der Vergangenheit, die mit der äußeren Wirklichkeit des Films in Dialog treten.

Der Schimmelbefall verhilft den Filmen hier nicht zu der Patina einer authentischen Vergangenheit im dokumentarischen Modus, wie dies vielleicht Kratzer, Körnigkeit, oder Unschärfe vermögen und von Filmemacher*innen dementsprechend eingesetzt wird. Vielmehr stellen „Filme im Zerfall“ vehement ihre eigene Geschichte als Artefakt aus und damit auch in Frage, was wir auf und mit den Bildern sehen. Die namenlosen und verschimmelten Filme zeigen einmal mehr, dass die Geschichte(n) des Amateurfilms kreuz und quer verläuft zu einer Filmgeschichte, die sich bis heute vorrangig an Werk, Autor*in und Kanon ausrichtet.